Vom Verantwortung abgeben und Rache erfahren

Datum: 28. März 2016
Position: 35°27,4’N, 055°30,7’W
Etmal: 98 nm
Wetter: Wasser 20°C, Luft 21°C, Wind 3 Bft.
von Svenja

„Svenja, ab jetzt würden wir uns freuen, wenn du dich nicht mehr einmischst, uns einfach machen und auch mal scheitern lässt.“ Klare Ansage des neuen Kombüsenteams und ein Schock für mich. Ich soll mein über vier Monate angesammeltes Wissen darüber, wie man ungestraft bei der Backschaft nascht, Essen plant und die Kombüse abnimmt, abgeben? Das muss ein Scherz sein, aber nein: Daniel guckt ernst, als er mir diese Ansage macht, kurz nachdem wir besprochen haben, welche Aufgaben als Kombüsenverantwortliche anfallen. Kurz darauf der zweite Schock, die Backschaftsbesprechung wurde ohne mich abgehalten, dabei war ich doch nur kurz in einer Lehrerbesprechung. Frechheit, so kann ich mich doch nicht mehr einmischen und so tun als wüsste ich es besser. Zu allem Ärger schmeckt das Essen am nächsten Tag gut und ich merke, es geht auch ohne mich. Die nächsten Besprechungen und Kombüsenabnahmen lässt man mich netterweise noch dabei sein und ab und zu darf ich danach auch noch ein paar Tipps geben und man gibt mir ab und zu noch das Gefühl, nicht mehr komplett unnötig zu sein in der Kombüse.

Schlimmer wird es dann nur noch, wenn sich jemand mit einer Backschafts- oder Kombüsenfrage an mich wendet und ich dann an das Kombüsen- oder Proviantteam verweisen muss. Ich bekomme Panik, darf ich bis Kiel wohl nochmal die Kombüse betreten und Rezepte probieren oder einen Tipp geben? Dann ein paar Tage das pure Glück. Vorsichtig frage ich die Backschaft, ob ich kurz in die Kombüse darf um meine Flasche zu spülen (jetzt darf ich nicht mehr so reinschneien, sondern muss mich an die Regeln für alle halten). Gnädig lässt man mich herein und bietet mir an das Essen zu probieren, denn es sei sehr gut. Habe ich richtig gehört? ICH darf probieren? Riskiere ich es und weise darauf hin, dass ich eigentlich nichts mehr in der Kombüse sagen darf? Volles Risiko, aber gütig wie die Backschaft ist lässt sie mich trotzdem probieren und es schmeckt super. Ich muss einsehen, dass die Backschaften und das Kombüsenteam es auch ohne mich schaffen und ich jetzt wohl nicht mehr vorher naschen darf, sondern wie alle bis zur Essensausgabe warten muss.

Dann der tiefe Schlag in die Magengrube, von allen Seiten wird das Essen gelobt, sie schaffen es also ohne mich? Kurz überlege ich, ob mich dies in eine mittlere Krise stürzen sollte, dann entscheide ich mich dafür sehr stolz zu sein und es den Schülern weiterzugeben. Es ist verdammt hart die Verantwortung abzugeben, aber eigentlich macht mich gerade nichts so stolz als zu sehen, dass die Schüler sich eigenständig organisieren und meine Hilfeangebote eher als lästig empfinden. Ab und zu kommen noch die alten Gewohnheiten durch und ich stehe ohne zu klopfen in der Kombüse, aber ich werde eiskalt herausgeworfen, ich habe nicht gefragt und zu sagen habe ich sowieso nichts mehr. Sie haben es geschafft, sie kommen auch ohne uns super klar und wir dürfen uns zurücklehnen, hat auch was für sich.

Manchmal bringt einen die Eigenständigkeit der Schüler aber auch fast an den Rande des Wahnsinnes. Nachdem wir die Schüler gestern durch das Schiff zum Ostereiersuchen geschickt hatten, waren heute Lehrer und Stamm dran. Jona kündigte bereits an: „Robin, das gibt Rache und die wird hart.“ Und so blickten wir dem Ostereiersuchen gespannt und etwas ängstlich entgegen. Bewaffnet mit Taschenlampen leuchteten wir gefühlt jeden Winkel des Schiffes aus – und ab und zu wurden wir fündig. Wir krabbelten auf dem Boden entlang, schüttelten Gummistiefel aus und machten alles auf, was eine Tür hatte. Nach über einer Stunde und diversen Tipps waren dann auch die letzten Nester gefunden und man muss sagen, die Schüler standen uns in nichts nach. Mein persönliches Highlight: das Nest in einer leeren Milchtüte. Jetzt heißt es nur hoffen, dass wir auf den zahlreichen Bildern nicht zu fanatisch aussehen beim Suchen, wir hatten auf jeden Fall viel Spaß.
Svenja

P.S.: Ich grüße ganz herzlich meine Familie und hoffe, dass ihr schöne Feiertage hattet.

Grüße: Ich wünsche meiner Familie frohe Ostertage. Ich hoffe ihr hattet ein schönes Beisammensein mit der ganzen Familie (Liebe Grüße auch an Omi und Opi aus Krefeld, an meine Omi aus Wetter, an Heike und an Klicks mit seinen Mädels) und habt mir etwas Schoki übrig gelassen 🙂 Saskia
Ich wünsche frohe Ostertage nach zu Hause. Ich hatte gestern Backschaft und durfte den Braten mit vorbereiten. ich habe viel an Euch gedacht und hoffe, ihr hattet ein schönes Fest. Suchen durften wir auch, aber leider gab es nicht so viel Schokolade wie bei dir, Mami 🙁 Ich hab euch lieb und vermisse euch. Melli 🙂

Aus dem Leben eines Lehrers an Bord

Datum: 14. Februar 2016
Position: 21° 43,4’N, 086°16,9’W
Etmal: 91 nm
Wetter: Wasser 26°C, Luft 25°C, Wind 5-6 Bft.
von Svenja

„He Svenja, du schreibst heute Tagesmeldung“, begrüßte mich Robin heute morgen. Schon so weit? Na dann, es wird bestimmt irgendwas zu berichten geben. Da sich mein Tag heute viel mit Listen und Listenschreiben befasste, hier ein kleiner Einblick in die Proviantplanung für einen HSHS-Törn. Um nicht zu verhungern unterwegs, muss selbstverständlich genug zu essen da sein und gekocht werden. Dass Essen auf den Tisch kommt und es schmeckt, dafür sorgen die Schüler täglich, manchmal mit etwas Unterstützung von uns Lehrern. Hier sei nochmal angemerkt, dass mittlerweile fast jedes Essen gelingt. Liebe Eltern, Sie können ab jetzt gefahrlos Ihre Kinder in die Küche lassen. Passen Sie aber auf, alle sind jetzt Portionen für 50 Personen gewöhnt, nicht dass Ihre Küche am Ende zu klein ist. Damit wir aber überhaupt kochen können, muss vor jedem Törn eine Liste erstellt werden mit all den Lebensmitteln, die wir benötigen. Bis Teneriffa hat sich darum unser Smut Otto liebevoll gekümmert (nochmals vielen Dank Otto!). Seit Teneriffa fällt mir und dem Proviantteam diese Aufgabe zu. Das Proviantteam besteht aus 5-6 Schülern, die sich darum kümmern, dass die Bestandslisten immer aktualisiert werden, also Ein- und Ausgänge verzeichnet werden.

Außerdem verstauen sie alle zugekauften Lebensmittel in den verschiedenen Lasten und kümmern sich darum, dass ich nie etwas aus den Augen verliere. Ich muss gestehen, sie machen einen verdammt guten Job. Gegen Ende eines Törns überlegt sich das Proviantteam, was wir auf dem nächsten Törn kochen könnten und was wir dafür alles brauchen. Nachdem ich alles auf Abwechslungsreichtum (bis auf die Nudelwoche sind es bis jetzt immer grandiose Speisevorschläge), Realisierbarkeit (Pizza geht z.B. nur im Hafen, Pommes Frites sind zu aufwendig) und Bezahlbarkeit (wir haben ein begrenztes Budget) überprüft habe, werden die Einkaufslisten geschrieben. Am Ende stehen wir vor der fertigen Einkaufsliste und freuen uns jedes Mal auf die Gesichter der Verkäufer im Laden oder im Markt. Es ist herrlich zu sehen, wie die Gesichter teilweise entgleisen, wenn man 80kg Käse oder 100 Liter Milch bestellt. Gerne kommt die Frage: „Sie meinten wirklich 80kg?“. Einige Supermärkte haben irgendwann resigniert und einfach direkt die Lebensmittel aus dem Lager geholt, nachdem wir das Regal zweimal leer geräumt hatten und es noch immer nicht reichte.

An der Kasse dann folgt der ungläubige Blick der Kassierer, wenn man diverse Einkaufswagen voll auf das Laufband legt. Hier gerne gestellte Frage „Alles zusammen?“, in Verbindung mit ungläubigen Blicken. Weil wir nette Menschen sind erklären wir dann immer, dass wir von einem Schiff kommen, 50 Personen ernähren müssen und gerade unseren Provianteinkauf machen. Daraufhin werden wir oft noch über das Schiff befragt (es wird natürlich Werbung für das Schiff und HSHS gemacht) und man wünscht uns eine angenehme Reise.

Eine andere Möglichkeit ist natürlich auch, die Lebensmittel beim Schiffshändler zu bestellen, der dann alles direkt zum Schiff bringt. Dies lohnt sich insbesondere bei Tiefkühlware. Hier ist jedoch der Lieferant große Mengen gewöhnt und es fehlt ein bisschen der Smalltalk beim Bezahlen. Wenn dann alle Lebensmittel am Schiff sind ist der nächste große Schritt dran, alles muss verstaut werden. Manchmal glauben Leute, die noch nicht auf der Roald waren, dass wir das alles nie verstauen könnten. Aber dafür haben wir ja das Proviant-Team, die sich in den Lasten bestens auskennen und denen im Stauen so schnell keiner was vormacht. Problemlos werden da 150l Milch mal eben in der Ecke verstaut und alles systematisch in Kisten gepackt und seefest verzurrt.

Also liebe Eltern, seien Sie beruhigt: hier verhungert uns so schnell keiner und kochen, einkaufen und verstauen haben Ihre Kinder nebenbei auch noch gelernt. Wenn wir gerade mal keine Lebensmittelplanung machen sieht der Alltag für uns Lehrer allerdings immer relativ ähnlich aus, wir bereiten Unterricht vor oder nach, geben Unterricht, überlegen uns, wie wir die Schüler in der nächsten Unterrichtsstunde besonders quälen können (zumindest glauben das manche) oder wir verstecken uns (was auch nicht stimmt, in Wahrheit laufen wir nur in die andere Richtung wie die Person die uns sucht oder sitzen gut getarnt bei der Wache auf der Brücke). Nebenbei hören wir uns gerne auch an, dass man das, was wir machen ja nicht Arbeit nennen kann, sondern Urlaub und freuen uns, wenn wir keinen Unterricht haben, die Sonne scheint und wir mit den Schülern an Deck das gute Wetter genießen können.
Svenja

P.S.: Svenja grüßt ganz herzlich ihre Familie. Wenn ich zurück bin müssen wir grillen! Außerdem herzliche Grüße an das Proviantteam, vielen Dank für eure Unterstützung, ohne euch hätte ich schon mehrfach das Handtuch geschmissen!

Grüße:
Ich grüße ganz herzlich meine Familie und Freunde, ich hab euch lieb und ich freue mich, von euch bald wieder etwas zu hören. <333 LG Lisa
Ich schicke ganz ganz viel Liebe an meine Familie. Ganz besonders grüße ich meine beiden kleinen Geschwister. Ich vermisse euch schon ziemlich hier auf der Roald. Wahrscheinlich könnt ihr euch gar nicht vorstellen, dass ich in 2 Tagen in Kuba sein werde, aber ich versuche so viel wie möglich von meinen Erlebnissen mit nach Hause zu bringen. Ganz liebe Grüße auch noch an dich, Jutta Oma. Ich hoffe, dir geht es gut und ich freue mich, dich in Kiel wiederzusehen. Liebe Grüße Melli ?
Heike grüsst die Bremer Roald-Stammtischrunde. Der nächste dann im März.